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GENETIK - "VERERBUNG - ZUFALL MIT SYSTEM"

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TEIL 18
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Das Fell ist zusammen mit der Haut eines der größten Organe der Katze. Es schützt vor den Einflüssen der Umgebung (Kälte, Hitze und Nässe) und vor Verletzungen. Es ist aber auch ein wichtiges Sinnesorgan im Kontakt mit der Umwelt und gegenüber anderen Tieren. Das Fell hat eine nicht zu unterschätzende Aufgabe im Sozialverhalten der Katze.

Entsprechend seinen vielfältigen Funktionen ist der Aufbau des Felles kompliziert und die Katze widmet der Pflege dieses Organs einen nicht unerheblichen Teil ihrer Zeit. Die gesamte Struktur des Fells ist sicher über eine ganze Reihe von Genen veranlagt, aber nur ein Gen mit zwei Allelen fällt mit deutlich erkennbaren Merkmalen aus dem Pool der Polygene heraus.
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DAS HAARLÄNGENGEN (ALLELE: L, l)


Es gibt sicher noch eine ganze Reihe von sog. Haargenen mit sichtbaren Merkmalen und bekannter Genetik. Aber alle, von den Rex-Genen bis hin zur Haarlosigkeit (Sphynx), bedingen eine Störung des Wachstums und gehören in die Reihe der Deformationen. Wenn man normales Haarwachstum zugrunde legt, bleibt tatsächlich nur das Haarlängengen als züchterisch relevante Merkmalsanlage übrig, wobei strenggenommen nur die Ausprägung des dominanten Wildtyp-Allels L als "Normalhaar" zu bezeichnen ist.


Normalhaar ist mit Kurzhaar gleichzusetzen und ist die genetische Form des größten Teils der natürlichen Katzenpopulationen.
Das Allel L ist vollständig dominant über das rezessive l und die heterozygote Form (L/l) hat nichts mit Halblanghaar zu tun, sondern ist genau so kurzhaarig wie die homozygote Form (L/L).
Nur die homozygot rezessive Form (l/l) führt zu Langhaar. Die Halblanghaar sind eine Modifikation der Langhaar, wobei gleich wieder die ungeheure Variationsbreite durch die modifizierenden Polygene sichtbar wird. Dadurch konnte sich auch das mutierte rezessive Allel in natürlichen Populationen durchsetzen (z.B. Norwegischen Waldkatze, Maine Coon).

Das Normalhaar hat eine durchschnittliche Länge von 4,5 cm, während das "Langhaar" bis zu 12,5 cm erreicht. Bei den Langhaar ist keine Grenze nach unten festzulegen, so daß es durchaus genetische Langhaarkatzen gibt, die kürzere Haare haben als Kurzhaar-Katzen. Auch der Unterschied zwischen Winter- und Sommerfell führt zu so kuriosen Erscheinungen, daß der Phänotyp dem Genotyp genau entgegengesetzt ist. Halblanghaar im kurzen Sommerfell sind manchmal nur an der Schwanzbehaarung als solche zu erkennen.

Für den Unterschied zwischen Kurzhaar und Langhaar ist die Zusammensetzung des Fells ein viel deutlicheres Merkmal als die absolute Fellänge. Aus diesem Grund, und weil das Fell als Organ für die Katze so wichtig ist, soll der Aufbau ausführlich beschrieben werden. Das Fell besteht normalerweise aus drei Typen von Haaren in einer bestimmten Anordnung, woraus sich auch die zahlenmäßigen Unterschiede zwischen den Haartypen ergeben. Um ein Leithaar gruppiert sich ein Kreis von drei Grannenhaaren und darum ein weiterer Kreis von acht bis zwölf Wollhaaren. Leit- und Grannenhaare werden als Deckhaare zusammengefaßt. Sie schützen das weiche Unterfell aus Wollhaaren und haben daneben sensorische Eigenschaften. Im Gesicht, und dort vor allem im Bereich der Schnurrhaarkissen an der Oberlippe, befinden sich die Sinnes- oder Schnurrhaare, die zu den Leithaaren zählen und nur sensorische Aufgaben haben.

Die Haare selbst sind fadenförmige Horngebilde, die von den Zellen der Haarpapille gebildet werden. Die Haarpapille liegt am Grund einer Hauttasche, der Wurzelscheide. Der Teil des Haares, der in der Wurzelscheide steckt und so in der Haut verankert ist, heißt Haarwurzel, während der Teil, der aus der Haut herausragt, Haarschaft genannt wird. Im Falle der Sinneshaare ist die Wurzelscheide von Bluträumen umgeben sowie von zahlreichen Nervenfasern umsponnen. Die sensorischen Nervenenden registrieren durch hydraulische Verstärkung jede Richtungsänderung des Haares. Talgdrüsen, die ebenfalls Bestandteil der Wurzelscheide sind, geben durch ihre Produkte dem Haar Geschmeidigkeit und seine typischen wasserabweisenden Eigenschaften. Die Wurzelscheide liegt stets schräg zur Hautoberfläche, so daß die Haare ebenfalls schräg heraustreten. Da die Haare immer leicht gebogen sind, neigen sich die Haarspitzen zur Haut. Durch den an der Wurzelscheide ansetzenden Haarmuskel können die Haare aufgestellt werden. Dieses Sträuben des Fells dient einerseits als passiver Kälteschutz, kann aber auch aktiv ausgelöst werden. Dieses "Drohimponieren" ist ein wichtiger Teil des Sozialverhaltens, weil die Katze dadurch optisch an Größe und Gewicht gewinnt.

Solange die Zellen der Papille Hornsubstanz bilden, wächst das Haar. Danach löst dich das Haar von der Papille und bleibt noch eine begrenzte Zeit als totes Kolbenhaar in der Wurzelscheide verankert. Wenn dann die Papille erneut produziert, schiebt das neue Haar das tote Kolbenhaar aus der Wurzelscheide, wenn es nicht schon durch mechanische Beanspruchung ausgefallen ist. Dieser das ganze Jahr andauernde Fellwechsel wird von einem jahreszeitlichen Rhythmus überlagert, der einen Hochpunkt im Spätsommer und einen Tiefpunkt im Winter hat. Der Zyklus ist für beide Geschlechter gleich, nur sind die Kater den Katzen häufig um ein bis zwei Monate voraus. Die Sinneshaare erscheinen bei der Embryonalentwicklung als erste Haare und haben eine größere, wenn auch nicht unbegrenzte Lebensdauer. Jedenfalls unterliegen sie nicht dem jahreszeitlichen Haarwechsel.

Das Haar besteht aus drei Schichten. In der zylinderförmigen Markschicht sind Pigmente in unter-schiedlichen Mengen eingelagert. Die darüberliegende Rindenschicht ist der am stärksten pigmentierte Teil des Haares und bestimmt die in den vorhergehenden Teilen dieser Serie so ausführlich besprochene Haarfarbe. Durch während des Wachstums periodisch eingelagerte Pigmentgranula kommt das Ticking (Bänderung) zustande. Außerdem ist die Rindenschicht für die mechanischen Eigenschaften der Haare verantwortlich. Die dachziegelartig überlappenden toten Zellen der Kutikula oder des Oberhäutchens umgeben das Haar wie die Schuppen eines Tannenzapfens. Durch sie wird das Haar geschützt und durch Verzahnen mit der Wurzelscheide fest verankert.

Die Form der einzelnen Haartypen und der Aufbau des Felles insgesamt ergibt sich durch ein fein abgestimmtes genetisch festgelegtes Zusammenspiel zwischen Wachstumsgeschwindigkeit, Druck der Hautmuskeln auf die Wurzelscheide, Funktion der Talgdrüsen, Pigmenteinlagerung und Wachstumsdauer. Das Haarlängengen beschränkt seinen Einfluß auf die Dauer der Wachstumsperiode. Alle anderen Parameter hängen von den modifizierenden Polygenen ab, daher ist die Ausprägung der Haarlänge und die Ausbildung der verschiedenen Haartypen so ungeheuer variabel.

Die Leithaare (auch Mittelhaare) sind die zahlenmäßig kleinste Gruppe. Sie sind lang und kräftig, leicht gebogen und verjüngen sich zu einer fein ausgezogenen langen Spitze. Manchmal ist die untere Hälfte des Haares leicht gewellt.

Die Grannenhaare (auch Stammhaare oder Nebenhaare) sind i.d.R. kürzer, dünner und weniger steif. Sie haben im oberen Drittel (subapikal) eine deutlich abgesetzte Verdickung, die sog. Granne. Die Spitze ist kurz und stumpf, das untere Drittel kann gewellt oder gebogen sein. Die Grannenhaare zeigen die größte Variabilität: Sie sind manchmal so dick wie Leithaare, manchmal aber auch so dünn wie Wollhaare und dann nahezu ohne Granne. Sicher ist nur eines, die Leithaare sind immer die längsten und die Wollhaare immer die kürzesten.

Die Wollhaare (auch Daunen-, Bei- oder Flaumhaare) sind sehr zahlreich, dünner als die Grannenhaare ohne subapikale Verdickung und insgesamt gewellt, gelockt oder gekräuselt.
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KURZHAAR


Die Kurzhaar sind die genetisch dominante Form mit den Genotypen L/L und L/l oder kurz L/-.

Hier sind die drei Haartypen am deutlichsten ausgeprägt. Abweichungen von der normalen Fellzusammensetzung gibt es bei den Siamesen, Orientalisch Kurzhaar, Britisch Kurzhaar und Russisch Blau. Bei den ersten beiden Rassen wird hin zu wenig Wollhaar selektiert, während bei den anderen beiden Rassen darauf Wert gelegt wird, daß Deckhaar und Unterwolle möglichst gleich lang sind.
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HALBLANGHAAR


Halblanghaar- oder Semilanghaarkatzen sind genetisch immer reinerbig (l/l), da das Langhaar-Allel absolut rezessiv ist.

Sie sind eigentlich Langhaarkatzen, allerdings ohne deren polygene Modifikatoren-Gruppe, weshalb sich die "Langhaarigkeit" in Grenzen hält.

Die Halblanghaar konnten sich als Mutation durch Anpassung an harte Witterungsbedingungen als Norwegische Waldkatze und Maine Coon in der natürlichen Auslese durchsetzen. Beide zeichnen sich durch ein kräftiges, leicht öliges Deckhaar mit einem vor Kälte und Nässe schützenden Wollhaar aus. Alle drei Haartypen sind in normaler Verteilung vorhanden.

Das Fell ist im Gesicht am kürzesten, wird zu den Wangen hin etwas länger und ist an den Flanken, an den Hinterbeinen (Höschen) und in der Halskrause am längsten. Die züchterische Auslese hat dann einerseits zu Formen wie z.B. Türkisch Van mit seidigem Deckhaar ohne Unterwolle und andererseits zu den echten Langhaar geführt.
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LANGHAAR


Langhaarkatzen haben den gleichen Genotyp wie die Halblanghaar, aber durch Linienzucht haben sich eine Reihe von charakteristischen Polygenen stabilisiert.

Das volle, seidige Fell der Perser, der Langhaarkatze schlechthin, beruht nicht nur auf einer Verlängerung der drei Haartypen. Das Unterfell ist meist genau so lang wie das noch vorhandene, aber zahlenmäßig deutlich verdrängte Deckhaar. Daraus ergeben sich erhebliche Konsequenzen für die Fellpflege, die von der Katze allein nicht mehr zu bewältigen ist. Durch den sehr langen (bis zu 12,5 cm) weniger pigmentierten Haarschaft entsteht häufig eine unechte optische Aufhellung der Fellfarbe.

Insgesamt ist die Abgrenzung der Zeichnung (Tabby, Bi- und Tricolor) weniger scharf und bei den Points sind durch den Wärmestau die Abzeichen heller als bei entsprechenden Kurzhaarkatzen. Bei den Balinesen und Angorakatzen wurde eine andere Selektionsrichtung bevorzugt, das Unterfell ist durch langes Deckhaar verdrängt.

Apropos Angorakatzen, die sind schon seit Jahrhunderten bekannt, wobei die Bezeichnung Angora nicht unbedingt auf die Herkunft aus Ankara in der Türkei zurückzuführen ist, sondern auf den Brauch, den Namen der langhaarigen Angora-Ziege auf andere Haustiere zu übertragen.

Zum Schluß noch ein paar interessante Anmerkungen zur Haarlänge. Durch gezielte Selektion kann man auch Kurzhaarkatzen mit beachtlicher Haarlänge erzüchten, so daß der Genotyp nicht immer von vornherein ersichtlich sein muß.

Kreuzungen von Kurzhaar mit Langhaar in Serie ergibt stabile Rekombinanten in Halblanghaar und waren die Grundlage für Coulorpoint und Heilige Birma.

Nun noch eine Tabelle, wie der Wechsel von L/- zu l/l bei sonst gleichem Typ und Körperbau "neue" züchterische Wege eröffnet hat:

Abessinier - Somali
Burma - Tiffany
Exotic Shorthair - Perser
Manx - Cymric
Orientalisch Kurzhaar - Mandarin
Siamese - Balinese

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Diese Serie wurde in 18 Teilen sehr verständlich und detailliert im Jahr 1993 von Roland Fahlisch (Diplom Biologe) geschrieben und in der Zeitschrift Katzen Extra veröffentlicht.

Wir danken Monika und Roland Fahlisch herzlich
für Ihre schriftliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser tollen Serie.

Dreamhunters

(Wir bitten um Beachtung des Copyright - © Roland Fahlisch)
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